Geschichte

Wie alles begann

Ein Rückblick von Rahel Zweig

Dieses Projekt entstand 1992 aus der Absicht heraus meine Isolation und meine Armut in der Schweiz als alleinerziehende Mutter zu überwinden und aus dem starken Willen etwas dagegen zu unternehmen. Ich bin Künstlerin, habe die Bewegungsausbildung nach Laban gemacht, jahrelang als Ausdruckstänzerin gearbeitet und später noch an der Kunstschule Foto & Film (F+F) studiert. Kunst ist mein Leben und ich trenne sie nicht von sozialem Engagement. So ging ich mit meinem Sohn nach Brasilien, Rio de Janeiro, arbeitete mit dem bekannten Theaterregisseur Augusto Boal im Theater der Unterdrückten mit Strassenkindern und Leuten in den Favelas und erlebte eine grosse Solidarität und viel Humor untere den Ärmsten der Armen, was ich vorher nicht kannte. Hier habe ich Rita de Cássia kennengelernt, die schon viele Jahre das kleine Projekt Curumim betreute. Wir haben uns zusammengetan und ich habe in der Schweiz den gleichnamigen Verein mitgegründet, um damit die Curumim-Tätigkeiten in Brasilien zu unterstützen.

Gründungsmütter und -väter

Curumim wurde 1995 in der Schweiz als Verein gegründet, mit dem Ziel, benachteiligten Kindern in Brasilien eine Zukunftschance zu bieten. Der Verein ist politisch und konfessionell neutral.

Der Gründungsvorstand setzte sich aus Heinz Gfeller (Präsident), Ruth Scheidegger-Lämmli (Vizepräsidentin), Hans-Peter Blau (Kassier), Andrea Thaler (Sekretärin), Rahel Zweig (Projektleiterin), Claudia und Thomas Ruggle (Kontaktpersonen in Rio de Janeiro). Im Laufe der Zeit gab es personelle Wechsel im Vorstand (Verena Ritter als Kassierin ab 1999) und bei den Kontaktpersonen in Rio de Janeiro (Regula Seeholzer ab 1997, Thor A. Sobrosa in 1999, Brigitte Lauper in 2000, Yvonne Goetz in 2001)

Nächste Generationen

Ein erster Generationenwechsel im Vorstand erfolgte in 2001: Brigitte Lauper (Präsidentin), Rahel Zweig (Vizepräsidentin), Andrea Thaler (Kassierin/Sekretärin), Julinho Martins (Projektbetreuer), Roger Wehrli (Beisitzer/Webmaster), Iren Dietrich (Kontaktperson in Rio). Wechsel der Kontaktpersonen in Rio de Janeiro: Ana Cristina Ferreira Zwahlen ab 2002.

Der Vorstand konstituierte sich in 2005 wiederum neu: Erich Wieland (Präsident), Rahel Zweig (Vizepräsidentin), Monika Gfeller (Kassierin), Brigitte Lauper (Projektbetreuerin), Luiz Cabral da Silva (Beisitzer), Fiorenza Medici (Kontaktperson in Rio). Es erfolgten personelle Wechsel im Vorstand (Kurt Anderegg als Kassier ab 2007 und Hugo Düggelin als Projektbetreuer in 2009) und bei der Kontaktperson in Rio de Janeiro (Susanna Bamert Schinz ab 2008). Seit 2017 unterstützt Louis Kirchner als Webmaster den Verein.

Impressionen aus 25 Jahren Vereinsgeschichte

1992 bis 2008 – Curumim in der Favela Júlio Otoni

Die Anfänge der Geschichte von Curumim sind eng mit der kleinen Favela Júlio Otoni verbunden. Wie 550 andere Favelas in Rio de Janeiro zu jener Zeit war die damals kleine Favela (Favelinha) an der Rua Dr. Júlio Otoni eine strukturierte Gemeinde (Comunidade) mit ca. 700 Bewohnern. Es gab jeweils Ende Kalenderjahr eine jährliche Gemeindeversammlung mit demokratische offenen Wahlen. Im Jahr 1995 hatte Rita de Cássia, eine ausgebildete Lehrerin, das Präsidium inne und war in den kommende Jahren auch im Gemeinderat der Favelinha. Rita war die treibende Kraft in der Favelinha um die Lebensbedingungen, insbesondere diejenigen der Kinder, zu verbessern. Sie organisierte in jedem Schuljahr die vom Verein Curumim Schweiz finanzierten Schulbücher und Schulmaterialien, welche die Kinder benötigten und es wurden Nachhilfestunden erteilt, damit die Kinder den Schulstoff verarbeiten konnten (Projekt „Schule“). Zudem organisierte sie Freizeitaktivitäten, wie Ausflüge, Bastel- und Zeichennachmittage etc. (Projekt „Freizeit “). Das Gemeinschaftshaus (Sede) in der Favelinha wurde umgebaut und erweitert, ebenfalls dank finanzieller Unterstützung aus der Schweiz. Nach dessen Neueröffnung wurde eine Kinderkrippe darin betrieben mit zeitweise bis zu 100 Kleinkindern (Projekt „Kinderhort “). In dieser Zeit wurde die Comunidade auch finanziell von der Stadt Rio de Janeiro unterstützt, insbesondere für die Betreuung und Verpflegung der Kleinkinder in der Krippe.

Mit der Zeit wurden weitere Aktivitäten hinzugefügt, wie Informatikkurse für die Mitglieder der Comunidade (Projekt „Informatikunterricht“), Perkussions-Workshops (Projekt „Galeria Ativa“), Aufbau einer Frauengruppe von Müttern und Jugendlichen (Projekt „Adolescendo), die Alphabetisierung von Erwachsenen in der Comunidade (Projekt „Alphabetisierung“), und die Vorbereitung von Jugendlichen aufs Studium an einer höheren Schule (Projekt „Prevestibular Curumim Palmares“). Ziel von Curumim in der Comunidade Júlio Otoni war es immer eine Betreuung von Kleinkindern in der Comunidade zu gewährleisten, die Schulkinder in ihrer schulischen Entwicklung zu unterstützen, sie durch Freizeitaktivitäten vom Strassenleben wegzubringen und im Gemeinschaftszentrum einzubinden, sowie das Gemeinschaftsleben in der Comunidade dank Kursen für Erwachsene und Feste zu fördern. Ab 2002 wurde die steigende Kriminalität und den sich ausbreitenden Drogenhandel in der Favelinha zu einer immer grösseren Bedrohung der durch Curumim unterstützten, gemeinschaftlichen Aktivitäten. Wegen anhaltenden Drohungen seitens des Drogenclans musste Rita de Cássia die Comunidade Júlio Otoni in 2007 verlassen.

2008 bis heute – Curumim (Clube dos Curumins) im Casa de Joel

In 2008 wurde Curumim in einen anderen Stadtteil (Cordovil) verlegt und im Casa de Joel mit der gleichen Philosophie und Zielsetzung weitergeführt. Das Casa de Joel ist ein Gemeinschaftszentrum, organisiert als privates Hilfswerk („non-governmental organisation (NGO)“), das von Juciara (Sarah) Mathias Teixera gegründet wurde und noch heute von ihr geleitet wird. Das Casa de Joel befindet sich in Cordovil, einem armen Stadtteil in der Nordzone von Rio de Janeiro. Cordovil gilt wegen der Gewalt und dem Fehlen von öffentlichen Diensten wie Schulen und Clubs als einer der hässlichsten und am wenigsten gepflegten Stadteile von Rio. Hier verdient ein Familienoberhaupt im Durchschnitt 175 CHF während in einem „asphaltierten“ Quartier von Rio der Durchschnittslohn 750 CHF beträgt. Ein der grössten und gewalttätigsten Favelas von Rio de Janeiro, die Cidade Alta, befindet sich in Cordovil. Das Casa de Joel betreibt in Cordovil eine Kinderkrippe für ca. 200 Kleinkinder und führt das Projekt Curumim für Schulkinder durch. Die Präfektur von Rio de Janeiro (Prefeitura) gehört zu den Hauptsponsoren der Krippe des Casa de Joel, und dies seit mehr als 10 Jahren.

Die Gruppe als Fokus

Im Clube dos Curumins beteiligen sich jährlich ca. 50 Kinder. Damit die Kinder im Alter von 7 – 14 Jahren, die oft sich selbst überlassen sind, nicht ins Strassenleben abgleiten und bei Curumim mitmachen, muss ein attraktives Programm angeboten werden. In diesem Alter ist es nicht leicht, die Kinder zu einer sinnvollen Freizeitbeschäftigung zu motivieren.

Ist Curumim einzigartig oder existieren weitere ähnliche Einrichtungen in Rio de Janeiro?

Es gibt viele solcher Einrichtungen in Rio! Vor allem bekannte Sportler, z.B. Fussballer, engagieren sich für solche Projekte und haben wegen ihrer Bekanntheit grossen Zulauf. Für das Casa de Joel ist es deshalb schwierig gegen diese Angebote zu konkurrenzieren und vom Staat oder anderen Sponsoren Unterstützung zu erhalten.

Familiäre Werte und miteinander reden

Ein «Tugendkreis» wird gegründet, indem alle Familienmitglieder miteinbezogen werden um den Familien den Wert der Erziehung, der Gesundheit und der Schulbildung des Kindes zu vermitteln. Das Projekt “Beim miteinander sprechen verstehen sich die Leute”, bestand darin, die Mütter der Krippenkinder zu versammeln, um “miteinander zu sprechen”. Es wurden dabei Fragen geklärt über Gesundheit, Gesetze, Alimente, gesellschaftliches Verhalten, Ethik, Kultur, Staatsbürgerschaft, häusliche Gewalt.

Besuch im Casa de Joel

Der Besuch einer Delegation des Vorstands des Vereins Curumim Schweiz in 2012 im Casa de Joel in Rio de Janeiro war sehr aufschlussreich und ermöglichte es einen Eindruck von den Örtlichkeiten und vom Curumim-Projekt zu gewinnen. An zwei Nachmittagen besuchte die Delegation das Casa de Joel und konnte dabei einige der Curumim-Kinder, deren Betreuerinnen und Betreuer, sowie die Direktorin des Casa de Joel persönlich kennen lernen.

Begrenzte Mittel

Dem Verein Curumim Schweiz sind hinsichtlich der finanziellen Unterstützung des Curumim-Projekts in Rio de Janeiro enge Grenzen gesetzt. Obwohl die Kosten in Rio de Janeiro steigen (Inflation), ist eine substantielle Erhöhung des Beitrags nicht möglich. So haben wir auch in Zukunft die finanziellen Ressourcen um gezielt Beiträge ans Casa de Joel überweisen zu können, wie z.B. für Anschaffungen im Zusammenhang mit Capoeira, Transportkosten für den Ausflug aufs Land oder die Erneuerung der Infrastruktur im Casa de Joel.

Werbung und Finanzen

Das Casa de Joel verbreitet regelmässig Informationen über seine Aktivitäten. Die Direktion des Casa de Joel ist überzeugt , dass durch die Berichterstattung über ihre Arbeit in den Medien (Zeitungen, Radiosendungen etc.) sie mehr Mittel für die Kinder und Familien durch neue Sponsoren bekommen werden. „Wir glauben, dass das Sponsoring die benötigten Mittel einbringen wird, um die Dienstleistungen zugunsten der armen Familien im Stadtteil Cordovil und in den umliegenden Gemeinden weiter zu verbessern.“

Das Casa de Joel muss die Auflagen der Stadtverwaltung von Rio de Janeiro erfüllen. Zum Beispiel beurteilte das Gesundheitsministerium die Küche als „ungenügend“, worauf sie innert kurzer Zeit geschlossen werden sollte, falls nicht sofort zwei neue Kühlschränke und ein neuer Herd angeschafft würden! (ein grosser Kühlschrank kostet ca. 1500 R$/900 CHF). Ohne die Küche muss die Krippe schliessen und auch das Projekt CURUMIM kann nicht weitergeführt werden! Der Verein Curumim Schweiz hat dann das Geld für die benötigten Anschaffungen überwiesen und den Weiterbetrieb gesichert.